Von der Liebe - Khalil Gibran

Dies und Jenes

Von der Liebe - Khalil Gibran

Beitragvon ~~Michaela~~ » 4. Sep 2010, 08:45

MIch würde mal interessieren, was ihr von diesem Gedicht haltet. Ich finde es wunderschön, es berührt mich sehr, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein im Leben ist, aber ist es denn nicht auch Liebe und Leben??? Warum soll ich mir eine perfekte Welt nach meinen Wünschen und Vorstellungen basteln... gehe ich da womöglich wichtigen gefühlsmäßigen Erfahrungen aus dem Weg? Bin ich dann dabei etwas wichtiges wegzulassen???

Ist dieses ganze Realitätswünschen nicht etwas, was auf fehlendes Vertrauen zu mir und zum ganzen Univesum zurückzuführen ist?



VON DER LIEBE

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr
sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstet.
Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost,
die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.
Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du geschmeidig bist;
und dann weiht sie dich ihrem heiligen Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.
All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen
in die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst
aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;
denn die Liebe genügt der Liebe.
Wenn du liebst, solltest du nicht sagen:
"Gott ist in meinem Herzen", sondern:
"Ich bin Gottes Herzen".
Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält,
lenkt deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt,
sollst du dir dies wünschen:
zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein;
und willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;
zur Mittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen und einem Lobgesang auf den Lippen.


Khalil Gibran (aus dem Buch "Der Prophet" )



glg
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Re: Von der Liebe - Khalil Gibran

Beitragvon lawofattraction » 4. Sep 2010, 09:21



Hallo Michaela,

ich finde das Gedicht auch schön, es beschreibt ja lebhaft das, was wir Menschen im Laufe unseres Lebens erfahren.

~~Michaela~~ hat geschrieben:Warum soll ich mir eine perfekte Welt nach meinen Wünschen und Vorstellungen basteln... gehe ich da womöglich wichtigen gefühlsmäßigen Erfahrungen aus dem Weg?


Wenn Du mit "wichtigen gefühlsmässigen Erfahrungen" Leid, Schmerz und Kummer meinst, dann frage ich Dich einmal, was daran denn so wichtig ist? Was kannst Du daraus für Dich als erfahrenswert herausziehen? Inwieweit macht es Dich zu einem "besseren"(?) Menschen? Welche Wichtigkeit haben für unser Leben schlechte Gefühle?

Es ist ja nicht so, dass das LoA und seine Wirkmechanismen uns ein immer strahlendes Leben ohne jeglichen Gegenwind verschaffen wird. Dass wir eines Tages auf einer Wolke sitzen und nie mehr unglücklich sind, umgeben von materiellem Überfluss.

Die übergeordnete Idee unserer Existenz ist die Ausdehnung des Universums. Und in diesem Universum wird es immer Contrast geben, ohne den die Ausdehnung nicht erfolgen kann. Alles andere wäre Stagnation und ein Aufhören der Entwicklung. Daher ist der Contrast sozusagen "eingebaut" in unser menschliches Leben. Contrast in seiner Definition bezieht sich sowohl auf die Unmenge an Wahlmöglichkeiten, die wir haben als auch Situationen, von denen wir nicht sonderlich begeistert sind.

Überleg mal, wie schnell wir erfüllter Wünsche überdrüssig werden. Haben wir etwas, haben wir uns eine Weile daran erfreut und uns dann daran gewöhnt, entstehen weitere Wünsche. Und weitere und weitere. Die Vielfalt ist ebenso Grundlage unseres Lebens. Wir haben immer den Drang und die Möglichkeit "mehr" zu wollen. Auch das dient dem übergeordneten Gedanken.

Lieben Gruss
Loa



*Resistance means feeling Singular instead of Plural* Abraham


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